Entwicklung des Einzelhandels in Ungarn


Richàrd Ongjerth, Studio Metropolitana Budapest


Fritz Burschel


20.01.2006





Moderator:

In Ungarn war der Sozialismus immer etwas anders als anderswo. Es gab West-Jeans, Schallplatten und Coca Cola, und der DDR-Tourist konnte sich für seine rationierten Forint oder gar geschmuggelte D-Mark so einige Objekte der Begierde leisten, die er im Kaufhaus daheim niemals zu Gesicht bekam. Für die meisten Ungarn waren aber die westlichen Artikel seinerzeit ebenso unerschwinglich. Wie sich das Kaufverhalten seit dem Fall des "Eisernen Vorhangs" in Ungarn entwickelt hat, damit beschäftigt sich Richàrd Ongjerth vom Studio Metropolitana in Budapest. Was gibt es heute in Ungarn zu kaufen, was es vor der Wende noch nicht gab?

Richard Ongjerth:

Wie ich weiß, ist unsere Zeit jetzt ein bisschen zu kurz dazu, alles zu sagen. Wir können zusammenfassend sagen, dass man in Ungarn alles kaufen kann, was es in Deutschland auch gibt. Vor der Wende war das wahrscheinlich richtig, die Angebote zu den DDR-Waren waren etwas größer, aber z. B. bei Autos oder Elektronik oder sehr vielen anderen Sachen waren die Angebote viel, viel weniger als heute.

Moderator:

Und welche Entwicklung hat denn seither der Einzelhandel genommen? Welche Fehlentwicklungen konnten vermieden werden und welche nicht?

Richard Ongjerth:

Das ist eine ganz interessante Frage. Ich muss sagen, dass in den letzten zehn Jahren in Budapest und Ungarn Diskussionen waren über diese Frage. Die Situation war, dass nach der Wende die früher staatlichen Geschäftsketten privatisiert wurden. Diese ganze Wirtschaftssituation, mit der hohen Arbeitslosigkeit in Ungarn, war auch nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Industrie und des Einzelhandels vorhanden. Sehr viele neue Arbeitslose, die früher in diesem Einzelhandel arbeiteten, haben sogenannte Garagendiscounts (kleine Geschäfte) mit wenig Kapital in ganz Budapest eröffnet, vor allem Mitte der 90er Jahre. Man kann eine ganz klare Zentralisierung und Verstärkung des Einzelhandelswesens bemerken. So haben wir kleine Geschäfte mit immer größerer und besserer Ausstattung und so weiter. Parallel dazu war eine ganz, ganz schnelle Entwicklung am Stadtrand mit verschiedenen Supermärkten. Die Firmen existieren in Budapest und der Umgebung von Budapest seit etwa 10 Jahren, und parallel dazu sind die Einkaufszentren in den inneren Stadtteilen von Budapest auch gewachsen und sind ganz berühmt. Diese Situation, kleine Geschäfte und die Einkaufszentren, ist in Budapest auch immer ein Diskussionsthema.

Moderator:

Sie entwickeln ja einen Aktionsplan für die ungarische Hauptstadt. Was steht denn da drin? Wie wollen Sie denn mit diesen Erscheinungen, die Sie gerade beschrieben haben, umgehen?

Richard Ongjerth:

Ich will jetzt ganz kurz nur zwei Hauptelemente erwähnen, weil es Tatsache ist, dass Budapest ein ziemlich kompliziertes Regierungssystem hat, ähnlich wie in Berlin Verwaltungen auf zwei Ebenen: die Stadt Budapest und Bezirke mit ziemlich großen Kompetenzen. In dieser Situation hat die Stadt Budapest mit Vorschlägen rechtlich ziemlich wenig zu tun. Man kann den Einzelhändlern helfen, den kleinen Händlern in den Geschäftsstraßen. Eine von unten gewachsene Zusammenarbeit und das ganze Citymanagement helfen einerseits, und andererseits kann Budapest im Stadtentwicklungswesen helfen, z. B. mit Verkehrsverminderung und dem Bau von Parkplätzen für die traditionellen Einkaufsstraßen, die heute etwas ärmer sind und nicht so berühmt und populär wie vor 10 oder 20 Jahren. Solche physischen Eingriffe kann Budapest bescheren.

Moderator:

Von der rechtlichen Seite her - was hat sich da entwickelt, z. B. im Bereich des Baurechts?

Richard Ongjerth:

Im Baurecht kann man sagen, dass die Logik von unserem System ähnlich ist wie in Deutschland. Natürlich soll bei uns die Baugenehmigung alle Entwicklungen haben. Die Probleme sind ja die speziellen Situationen. In Budapest, wo die Baumöglichkeit von einem riesigen Einkaufszentrum etwas eingeschränkt ist, weil es baurechtlich verbunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist - dort sollten die Entscheidungsträger die Zentralität von diesen Ortschaften oder Standorten sichern. Die andere Seite ist es etwas schwer. Die Situation ist, dass in Budapest die baurechtlichen Vorschriften ziemlich streng sind, aber in den Nachbardörfern nicht so streng. Sie können ganz liberal kann sein, das ist im ungarischen rechtlichen System ganz unabhängig von der Stadt Budapest. Bis heute wurden sehr viele Supermärkte in Nachbardörfern von Budapest aufgebaut. So kann eine einheitliche Politik über diese Themen ganz schwer gemacht werden.

Moderator:

Versteh ich Sie richtig, dass Sie im Grunde dann also kein Problem mit der grünen Wiese haben, wie man es hier in Deutschland hat, dass Supermärkte auch wirklich auf den Ackerflächen vor der Stadt aufgebaut werden, sondern Sie sagen, große Supermärkte gehen in die Nachbarstädte von Budapest oder von den Budapester Bezirken, hab ich das richtig verstanden?

Richard Ongjerth:

Ja, ja die großen Supermärkte sind meistens in der Umgebung, natürlich zwischen den Grenzen von Budapest auch, aber weniger. Die größere Menge ist auch in Budapester Nachbardörfern, ja.

Moderator:

Und gibt es dem entgegengesetzt innerhalb Budapests den sogenannten "Tante-Emma-Laden"? Sie haben vorhin von den Garagendiscounts, von den Garagenläden gesprochen. Ist das vergleichbar, ist das der kleinteilige Einzelhandel, wo man noch ganz persönlich bedient wird oder gibt es solche Formen von Kleinhandel bei Ihnen nicht?

Richard Ongjerth:

Ich kenne diese "Tante-Emma-Läden" als Begriff. In dieser Größenordnung sind die Garagendiscounterwaren ähnlich. Ein riesiger Unterschied war nach meiner Erfahrung, dass diese sogenannten Zwangsunternehmer keine andere Möglichkeit haben, die Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Deshalb wurden diese Garagendiscounts gemacht. Diese Händler haben in sehr viele Fällen keine Kraft, kein Wissen. Ein Verkäufer hat nicht unbedingt das Wissen eines Geschäftsführers. Die Professionalität von diesen war niedriger als diese "Tante-Emma-Läden", aber im Prozess der Zentralisierung, den ich schon erwähnt hatte, bringt das auch mit sich, dass aus einem kleinen Geschäft Unternehmer weiterleben können. Unsere kleinen Geschäfte haben diese "Tante-Emma-Läden" so schon immer ehrlich ersehnt.





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